Leben in der Provinzstadt

Es ist früher Morgen, der Gebetsruf des Muezzins erschallt über die Dächer der Häuser. Unser Sohn erwacht, sagt überrascht «Musig losä» (z. Dt. Musik hören), steht sogleich auf und beginnt zu tanzen.

Während den letzten zwei Wochen wohnten wir auf der anderen Seite der Stadt bei einer einheimischen Familie in der Nähe einer Moschee. Gewisse Geräusche und Gerüche nahmen wir dort ganz anders wahr. Zudem entdeckten wir neue Facetten der hiesigen Kultur und freuten uns darüber, dass unsere Sprachkenntnisse voranschreiten und wir uns über ganz viele Themen austauschen konnten.

Wir stellten schnell fest, dass der Tag in der Stadt im Unterschied zum Leben im Dorf deutlich später startet. Um 10 Uhr als unsere Kinder die erste Zwischenmahlzeit verspeisten, sassen die beiden Kinder unserer Gastfamilie am Frühstückstisch. Die anderen beiden Hauptmahlzeiten assen wir jeweils gemeinsam. Nach dem Abendessen schliefen unsere Kinder meist schnell ein, hingegen spielten die Kinder der Gastfamilie noch bis zur späten Stunde miteinander oder lauschten den Gesprächen der Erwachsenen.

Die Eltern unserer Gastgeberin bewohnen das Nachbarhaus. Zu unterschiedlichsten Tageszeiten kamen sie zur Haustür herein, setzten sich aufs Sofa, tranken manchmal Tee, manchmal auch nicht, redeten ein wenig und gingen dann wieder. Im Gegenzug ist auch das Elternhaus jederzeit offen für die Kinder und Enkelkinder. Zum Grundstück gehört auch ein unbebautes Stück Land, darauf möchte unser Gastgeber dieses Jahr eine Gurkenplantage anpflanzen. Während unserem Aufenthalt war er nachmittags meist in diesem Garten anzutreffen und grub den Boden um. Wir halfen tatkräftig mit. Ab und zu erschienen auch Personen aus der Nachbarschaft, die lautstark mitdiskutierten, wie dieser Boden nun am besten bearbeitet werden sollte, einige Minuten mitarbeiteten und danach wieder ihres Weges zogen.

Nebst dem Einblick in den Familienalltag erhaschten wir auch einen Blick in den Schulalltag, denn für die schulpflichtigen Kinder findet der Unterricht wegen der Pandemie schon seit Monaten online statt. Der Sohn der Gastfamilie ist in der 2. Klasse. Während dem Online-Unterricht sass ein Elternteil meist daneben, um ihn zu unterstützen. Vor allem die Aserbaidschanisch Lektionen gestalteten sich herausfordernd, wenn die Verbindung fortwährend stockte und die Lehrerin Wort für Wort diktierte, was die Kinder in ihr Heft übertragen sollten. Seine jüngere Schwester wurde angehalten, während dem Unterricht ganz ruhig zu spielen. Die Mutter betonte vielfach, dass sie sich sehnlichst wünsche, die Schulen dürften wieder öffnen, denn der Onlineunterricht stelle für die ganze Familie eine grosse Belastung dar.