Novruz – der Frühling ist da

Novruz (z. Dt. „Novrus“) ist der Name des Frühlingsfestes, das gleichzeitig das neue persische Jahr einläutet. Die Feierlichkeiten starten am 20. März und dauern rund eine Woche. Der erste Festtag wird vorwiegend innerhalb der Familie gefeiert. Anschliessend stehen die Haustüren offen, der Festtisch ist reich gedeckt, denn Gäste werden jederzeit herzlich willkommen geheissen.

Diese drei nationalen Gebäcke: Paxlava, Şəkərbuğa, Qoğal (z. Dt. „Pachlawa, Schekerbura und Goral“) sind auf allen Novruz-Tischen zu finden. Ihre Formen erinnern an Sterne, Mond und Sonne.

In jedem Haus wird frisch zubereiteter Tee serviert.

Səməni (z. Dt. „Sämäni“) ist ein Topf mit gekeimten Weizensamen, der während des Festes auf dem gedeckten Tisch steht. Dieser gilt als Symbol für die Fruchtbarkeit des Frühlings.

Als Familie sind wir vor Kurzem umgezogen und kennen unsere neue Nachbarschaft noch nicht so gut. Diese Festtage waren für uns eine ideale Gelegenheit erste Kontakte zu vertiefen. In jeder Stube wurde einander herzlich zum Fest gratuliert mit dem Glückwunsch: „Novruz bayramınız mübarək.“ (z. Dt. Novrus bayraminis mübaräk.)

Gelebte Gastfreundschaft

Schnell öffneten wir die Tür, stiegen ein und sogleich setzte sich das Taxi in Bewegung. Wir befanden uns auf dem Heimweg von einem Besuch bei Freunden, dankbar für den weissen Lada 07, der uns zuverlässig von einer Ecke der Stadt zur nächsten bringt. Als ich dieses Mal mit den Kindern auf der Rückbank sass, stieg uns ein köstlicher Duft von frisch zubereitetem Essen in die Nase. «Mmh, das riecht hier lecker», bemerkte ich unbefangen zum Taxifahrer, während wir gemächlich durch die Strassen fuhren und dachte mir nichts weiter bei dieser Aussage. Prompt entschuldigte er sich, dass er mir nichts davon anbieten könne, das sei das Mittagessen für einen seiner Kunden, welches er diesem als Kurierlieferung überbringen werde. «Kein Problem», höre ich mich daraufhin sagen, «unser Mittagessen wartet bereits auf uns.» Daraufhin erreichten wir unser Zuhause. Ich händigte ihm die zwei Manat (umgerechnet 1. 20 CHF) für die zehnminütige Fahrt aus und wir verabschiedeten uns.

Lada 07, älteres russisches Auto

Dreissig Minuten später als wir gemütlich am Esstisch sassen und unser Mittagessen genossen, klopfte es energisch an der Tür. Wer könnte das wohl sein? Mein Mann, der als erster aus dem Fenster schaute und das Auto erblickte, meinte, es sei der Taxifahrer. Hatten wir etwas im Auto liegengelassen? Nein, das war nicht der Fall. Freudig überbrachte er uns frische «Qutab» (sprich Gutab), die er extra für uns besorgt hatte. Das gleiche Essen, das er vorhin seinem Kunden geliefert hatte. Vielen Dank! Ich staunte, damit hatte ich nicht gerechnet. Als Gast in seinem Land konnte mir der Taxifahrer doch dieses wohlriechende Essen nicht einfach vorenthalten. So erlebte ich einmal mehr herzliche Gastfreundschaft.

Qutab (sprich Gutab), traditionelles lokales Essen.

Erster August auf Aserbaidschanisch

Die Idee, dass wir den Schweizer Nationalfeiertag mit unseren Nachbarn feiern könnten, entstand bereits im März als unsere Nachbarn für das Frühlingsfest Novruz ein grosses Feuer in unserem Innenhof organisierten. Damals kamen wir darauf zu sprechen, dass wir in der Schweiz am Nationalfeiertag auch die Tradition von grossen Feuern haben. Der Nachbar meinte damals halb im Ernst, halb im Scherz, dass wenn wir ein 1. August Fest planen, er gerne mithelfe. Ende Juli sprachen wir ihn nochmals darauf an und er bekräftigte, ein Feiertag sei ein Feiertag, egal woher dieser komme. Er unterstütze uns gerne.

Wie wir Schweizer so sind, machten wir uns gleich an die Arbeit. Wir backten Zopf und Kuchen. Auch eine Schweizer-Flagge musste noch her. Diese konnten wir aber in unserer Stadt nirgendwo besorgen. Deshalb gingen wir kurzerhand mit dem Stoff und den Massen zum nächsten Schneider. Das Resultat lässt sich sehen.

Unser aserbaidschanischer Nachbar hingegen, ging das Planen ein bisschen ruhiger an. Obwohl am Abend das Fest starten sollte, war um 17 Uhr von ihm noch nichts zu sehen. Seine Tochter meinte, er sei noch am Schlafen. Nachdem sie ihn für uns aufgeweckt hatte, ging alles sehr schnell. Er involvierte sogleich die anderen Nachbarn und in eineinhalb Stunden war das ganze Fest in vollem Gange. Einer der Nachbarn war für das Feuer zuständig, andere steuerten Tische und Stühle dazu, aus einem anderen Haus wurden Salate herbeigetragen und die Kinder trugen Geschirr in den Vorhof. Die Männer, wie das in der aserbaidschanischen Kultur so üblich ist, waren für die Präparation und das Grillieren des Schaffleisches zuständig.

Schliesslich beteiligten sich fünf Familien am Fest. Nach dem leckeren Essen spielten die Kinder verschiedene Brettspiele. Die Erwachsenen philosophierten unter anderem über die Bedeutungen unserer Flaggen. Zu unserem Erstaunen wurden wir während dem ganzen Abend von allen Seiten zu unserem Feiertag beglückwünscht. Es war eine gemütliche und urchige Feier.

Eintauchen in die aserbaidschanische Sprache

Des Öfteren rauchen unsere Köpfe nach intensiven Sprachstunden. Täglich lernen wir Neues dazu. Einige Merkmale und witzige Details der aserbaidschanischen Sprache möchten wir mit dir teilen.

Aserbaidschanisch gehört zur Gruppe der Turksprachen und ist dem Türkischen insbesondere in der Grammatik sehr nahe. Zudem sind die Einflüsse der arabischen, persischen und russischen Sprache deutlich erkennbar. Vielfach lernen wir ein neues Wort und merken dann später, dass es dafür noch etliche Synonyme gibt, geprägt von verschiedenen Sprachgruppen. Manchmal haben wir den Eindruck, dass wir nicht nur eine, sondern gleich mehrere Sprachen gleichzeitig lernen. Beispielsweise werden für den Begriff «Tisch» die Wörter „stol“ aus dem Russischen, „masa“ aus dem Türkischen oder „miz“ aus dem Persischen gleichermassen verwendet.

Dankbarerweise ist Aserbaidschanisch in lateinischer Schrift geschrieben. Das erleichtert uns das Lesen und Schreiben. Dem war aber nicht immer so: Bis ins Jahre 1929 wurden die perso-arabischen Schriftzeichen verwendet. Zwischenzeitlich von 1929 – 1938 wurden die Lateinischen benutzt, um dann mit Einzug der Sowjetunion ab 1939 zu den Kyrillischen zu wechseln. Mit der Unabhängigkeit im Jahre 1991 wurde jedoch beschlossen zur lateinischen Schrift zurückzukehren.

Im Unterschied zur deutschen Sprache müssen wir uns um kein grammatisches Geschlecht (der, die, das) kümmern und beim Konjugieren der Verben entfällt die Unterscheidung zwischen „er“, „sie“ und „es“, das ist ganz einfach „o“. Dafür werden dem Nomen mit Nachsilben etliche Informationen angehängt. Beispielsweise heisst „Das ist von unseren Freunden“: „dostlar-ımız-dan-dır“ (wortwörtlich übersetzt: „Freunden unsere von ist“).

Im Besonderen werden in der aserbaidschanischen Sprache eine grosse Anzahl an Vokalen verwendet. Kennst du ein Wort, das fünf Mal den Buchstaben „ü“ enthält? Hier ein Beispiel: „Maşin sürücüsünün eynəyi var“, (wortwörtlich: „Auto Fahrer Brille hat“). An diesem Satz wird ebenfalls deutlich, dass das Verb am Satzende platziert wird, was anfänglich unsere Hirnwindungen arg strapaziert hat.

Hör rein, wie ein Gespräch auf der Strasse klingt.

Interessant ist, dass das Wort „sağ ol“ („ğ“ z. Dt. „r“) einerseits verwendet wird um Danke zu sagen und andererseits um sich zu verabschieden. Der Dank geht so nie vergessen! „Sağ ol“ bedeutet so viel wie „Bleib wohlauf“. Zur Begrüssung wird „Salam“ verwendet, was „Frieden“ bedeutet. Daher ist so ziemlich jedes Gespräch zwischen „Frieden“ und „Bleib wohlauf“ eingebettet.

Einige Wörter lassen sich richtig gut bildlich vorstellen und regen zum Schmunzeln an: Beispielsweise heisst „ich verstehe“ „başa düşmək“ (ş z. Dt. sch), was so viel bedeutet wie, „auf den Kopf fallen“. Für das Verb „erklären“ wird „başa salmaq“ verwendet, was mit „in den Kopf einfügen“ übersetzt werden kann. Und fürs «Zuhören» wird «qulaq asmaq» gebraucht, was wortwörtlich «das Ohr aufhängen» heisst.

In unseren Sprachlektionen verwenden wir ab und zu aserbaidschanische Märchen, davon gibt es eine grosse Fülle. Die Geschichte vom Rotkäppchen ist auch hier bekannt. Das Video ermöglicht ein Hineinhorchen in die aserbaidschanische Sprache.

Alles in allem bleibt das Erlernen der Sprache ein spannender Prozess. Ermutigend ist, dass wir mehr und mehr verstehen, von eigenen Erlebnissen berichten, mitdiskutieren und ab und zu auch mal etwas Humor einfliessen lassen können. Dennoch gibt es Momente, wo wir nur „vağzal“, äh „stansiya“ respektive einfach nur Bahnhof verstehen…

Leben in der Provinzstadt

Es ist früher Morgen, der Gebetsruf des Muezzins erschallt über die Dächer der Häuser. Unser Sohn erwacht, sagt überrascht «Musig losä» (z. Dt. Musik hören), steht sogleich auf und beginnt zu tanzen.

Während den letzten zwei Wochen wohnten wir auf der anderen Seite der Stadt bei einer einheimischen Familie in der Nähe einer Moschee. Gewisse Geräusche und Gerüche nahmen wir dort ganz anders wahr. Zudem entdeckten wir neue Facetten der hiesigen Kultur und freuten uns darüber, dass unsere Sprachkenntnisse voranschreiten und wir uns über ganz viele Themen austauschen konnten.

Wir stellten schnell fest, dass der Tag in der Stadt im Unterschied zum Leben im Dorf deutlich später startet. Um 10 Uhr als unsere Kinder die erste Zwischenmahlzeit verspeisten, sassen die beiden Kinder unserer Gastfamilie am Frühstückstisch. Die anderen beiden Hauptmahlzeiten assen wir jeweils gemeinsam. Nach dem Abendessen schliefen unsere Kinder meist schnell ein, hingegen spielten die Kinder der Gastfamilie noch bis zur späten Stunde miteinander oder lauschten den Gesprächen der Erwachsenen.

Die Eltern unserer Gastgeberin bewohnen das Nachbarhaus. Zu unterschiedlichsten Tageszeiten kamen sie zur Haustür herein, setzten sich aufs Sofa, tranken manchmal Tee, manchmal auch nicht, redeten ein wenig und gingen dann wieder. Im Gegenzug ist auch das Elternhaus jederzeit offen für die Kinder und Enkelkinder. Zum Grundstück gehört auch ein unbebautes Stück Land, darauf möchte unser Gastgeber dieses Jahr eine Gurkenplantage anpflanzen. Während unserem Aufenthalt war er nachmittags meist in diesem Garten anzutreffen und grub den Boden um. Wir halfen tatkräftig mit. Ab und zu erschienen auch Personen aus der Nachbarschaft, die lautstark mitdiskutierten, wie dieser Boden nun am besten bearbeitet werden sollte, einige Minuten mitarbeiteten und danach wieder ihres Weges zogen.

Nebst dem Einblick in den Familienalltag erhaschten wir auch einen Blick in den Schulalltag, denn für die schulpflichtigen Kinder findet der Unterricht wegen der Pandemie schon seit Monaten online statt. Der Sohn der Gastfamilie ist in der 2. Klasse. Während dem Online-Unterricht sass ein Elternteil meist daneben, um ihn zu unterstützen. Vor allem die Aserbaidschanisch Lektionen gestalteten sich herausfordernd, wenn die Verbindung fortwährend stockte und die Lehrerin Wort für Wort diktierte, was die Kinder in ihr Heft übertragen sollten. Seine jüngere Schwester wurde angehalten, während dem Unterricht ganz ruhig zu spielen. Die Mutter betonte vielfach, dass sie sich sehnlichst wünsche, die Schulen dürften wieder öffnen, denn der Onlineunterricht stelle für die ganze Familie eine grosse Belastung dar.