Leben im Dorf

Vieles haben wir über die Kultur und Traditionen in Aserbaidschan gelesen und gehört. Doch was gibt es für eine bessere Möglichkeit eine Kultur und ihre Sprache kennen zu lernen als mit einer lokalen Familie zusammen zu leben? Während den letzten vier Wochen hatten wir eine solche Gelegenheit. Von diesen Alltagserfahrungen aus dem Dorf nördlich von Lənkəran wollen wir euch erzählen.

In Aserbaidschan ist es üblich, dass der jüngste Sohn das Haus der Eltern erhält. Das bedeutet jedoch auch, dass er verantwortlich ist seine Eltern bis zum Lebensende zu versorgen. In einer solchen Familienkonstellation durften wir Einblick nehmen, in der drei Generationen unter einem Dach leben (die Eltern des Vaters, Vater und Mutter und ihre zwei Söhne).

Das Haus und die Umgebung fühlt sich so an als lebten wir auf einem kleinen Bauernhof. Einige Dutzend Hühner, Gänse und Enten watscheln über den Hof. Aus der kleinen Hütte nebenan hört man eine Kuh muhen und der Hund begrüsst jeden Gast mit lautem Gebell. In verschiedenen Gemüsebeeten wachsen Auberginen, Kürbisse, Bohnen, Kartoffeln, Tomaten und Zwiebeln. Auch die vielen Granatapfelbäume sind kaum zu übersehen. All dies wird von den zwei Frauen des Hauses mit viel Fleiss und Schweiss bewirtschaftet. Dies hilft der Familie sich zu einem grossen Teil selbst zu versorgen. So leiden wir auch mit ihnen mit, als ihre zwei Rinder eines Tages nicht mehr zurückkamen und sie diese leider auch nach tagelangem Suchen nicht mehr fanden.

Wenn wir das Haus mit unserem westlich geprägten Blick betrachten, scheint es unfertig zu sein. Dies hat aber einen guten Grund – das Geld reicht meistens nicht weiter als ein Haus Schritt für Schritt zu bauen und einzurichten. So gibt es verschiedene Projekte, an denen hauptsächlich der Grossvater mit seinen zwei Enkeln häufig arbeitet. Dabei erlernen die Kinder von ihm auch gleich das Handwerk. Der Vater hingegen ist viel ausser Haus auf seiner Arbeit als Elektroinstallateur.

Bei verschiedenen Alltagsarbeiten packten wir mit an sei es im Garten oder beim Reparieren der Strasse. Unser Sohn durfte auch beim Füttern der Tiere mithelfen, was im sichtlich Freude bereitete. Es gab aber auch einige Dinge, die waren uns nicht gestattet, beispielsweise den Abwasch erledigen oder das Putzen des Autos, was tägliche Aufgaben waren – obwohl vermisst haben wir das nicht wirklich 🙂 .

Die hiesige Kultur legt viel Wert auf Gemeinschaft. Dagegen ist Privatsphäre ein rares Gut. So haben die Kinder auch kein eigenes Zimmer, sondern schlafen in der Stube, in der für die Nacht Matratzen ausgelegt werden. Wir waren froh unser eigenes Zimmer zu haben, in dem wir uns gelegentlich zurückziehen konnten.

Unser Sohn genoss es sehr mit den zwei Knaben zu spielen und draussen herumzutollen. Allerdings gab es für ihn aber auch etliche Regeln und Verbote zu akzeptieren. Der Esstisch befand sich gleich neben der Werkstatt und der Küche, in der viele Gegenstände gelagert wurden, die nicht in seine Kinderhände gehörten.

Das lokale Essen hat uns geschmeckt. Meist bestand das Mittag- und Abendessen aus vorwiegend Kartoffeln, Pasta oder Reis garniert mit grünen Kräutern, Gemüse, manchmal Poulet. Vor allem das all zwei Tage frisch gebackene Brot mit feiner Marmelade zum Frühstück war sehr lecker. Vermisst haben wir ab und zu die Milchprodukte.

Wir staunten selbst, dass es mit der alltäglichen Verständigung immer besser klappte und wir ab und zu herzhaft miteinander lachen konnten. Jedoch fühlten wir uns manchmal auch hilflos, wenn uns das Vokabular einmal mehr fehlte, um ein Erlebnis zu schildern oder eine Diskussion zu führen.

Rückblickend sind wir dankbar, dass wir diesen Monat trotz Herausforderungen bei der Gastfamilie erlebt haben. Wir schätzten ihre Gastfreundschaft und das Einblick nehmen in ihren Alltag. Mehrmals hat die Familie betont, dass wir jederzeit wiederkommen dürfen.

Mit dem Zug nach Aserbaidschan

Wir sind am Reiseziel angekommen! Rückblickend staunen wir, wie problemlos diese achttägige Reise verlaufen ist. Auf Schienen unterwegs zu sein ist ein Abenteuer und es tat gut langsam anzukommen. So manches haben wir dabei erlebt. Lest selbst.

Zürich nach Bukarest

In Herzogenbuchsee, unserem Ausgangsort, als auch in Zürich werden wir je von einem Abschiedskommittee überrascht, welches uns mit dem Gepäck behilflich ist und uns herzlich verabschiedet. Ein Teil davon begleitet uns sogar noch bis nach Wien. Während der Fahrt geniessen wir einen letzten Blick auf unsere Heimat und die Alpen.

Am Abend in Wien warten wir auf dem Perron, auf dem der Nachtzug nach Bukarest einfahren soll. Dieser kommt sogleich – aber wo sind denn da die Schlafwagen? Ein Angestellter der österreichischen Bahn, den wir um Rat bitten, meint eher pessimistisch, dass er nicht zuständig sei und soweit er wisse, die Schlafwagen der rumänischen Bahn in Budapest geblieben seien. Zudem glaube er kaum, dass diese wirklich funktionstüchtig seien. Nicht gerade die erfreulichste Aussage im Hinblick darauf, dass wir mehr als 20 Stunden in diesem Zug verbringen werden… Kurze Zeit später versichert uns der verantwortliche Schaffner jedoch, dass wir einsteigen sollen und die Schlafwagen dann in Budapest angehängt werden würden. Dankend nehmen wir das Angebot an in der ersten Klasse Platz zu nehmen.

Um Mitternacht kommen wir in Budapest an, wo wir dann tatsächlich die Schlafwagen vorfinden. Es ist die beste Koje, welche wir auf der ganzen Reise haben werden – mit integriertem WC und sogar einer Dusche!

Mit wenig Verspätung fahren wir am darauffolgenden Abend in Bukarest ein, wo wir uns für eine Nacht in einem Hotel erholen dürfen.

Bukarest nach Ankara

Um die Mittagszeit setzen wir die Reise Richtung Istanbul mit dem türkischen Nachtzug fort. Zwei Mal werden wir in dieser Nacht aus dem Schlaf gerissen. Die bulgarischen Grenzwächter kontrollieren unsere Pässe freundlicherweise im Zug, die türkischen Beamten erwarten uns im Bahnhofsgebäude. Mit unserem schlafenden Kind auf dem Arm stellen wir uns hinten an die wartende Kolonne. Nachdem uns einer der Angestellten erblickt hat, winkt er uns nach vorne, damit wir sogleich an die Reihe kommen; was für eine schöne Überraschung! Auf der ganzen Reise dürfen wir erleben, wie Mitreisende und Angestellte unserem Sohn zulächeln, mit ihm sprechen und gerne ein bisschen mit ihm spielen möchten. Dieser ist meist zurückhaltend und beobachtet das Geschehen aus sicherer Distanz in der Nähe seiner Eltern. Unser Zugabteil wird von ihm jeweils rasch in einen kleinen Spielplatz umfunktioniert.

In Istanbul macht uns zusätzlich zum schweren Gepäck die Hitze ziemlich zu schaffen. Wir schwitzen sehr und sind müde. Umso dankbarer sind wir für den gut klimatisierten Hochleistungsgeschwindigkeitszug, in dem wir die vierstündige Fahrt nach Ankara verbringen. Dort dürfen wir uns im nächsten Hotelzimmer erfrischen.

Ankara nach Kars

An unserem Hochzeitstag erwartet uns das Highlight unserer Reise – eine Fahrt mit dem berühmten Dogu-Express, welcher uns ganz in den Osten der Türkei bringen wird. Gespannt warten wir in Ankara auf den Zug. Dieser will einfach nicht kommen. Eine Stunde später hören wir das Horn einer Lokomotive. Schnell sind wir auf den Beinen und stehen mit dem Gepäck auf dem Perron, wo uns der Kondukteur vertröstet, dass sei noch nicht unser Zug, wir sollen auf dem nächsten Perron warten.

Endlich, eineinhalb Stunden später als geplant, fährt unser Zug ein und wir können uns in unserer komfortablen Koje einrichten.

Begleitet vom rhythmischen Ruckeln und Knattern des Zuges fahren wir durch eine wunderschöne Landschaft. Ein kleiner Fluss bahnt sich seinen Weg durch das Tal, die beiden Uferseiten dank der Feuchtigkeit vielfältig begrünt, dahinter steile, karge Felsklippen. Strommasten, vereinzelte Siedlungen und in die Jahre gekommene Bahnhofsgebäude zeugen von einer vorhandenen Zivilisation. Wir sind beeindruckt und lassen die Landschaft auf uns wirken. Dazwischen haben wir an zwei Orten die Möglichkeit auszusteigen. Wir besichtigen einen imposanten Canyon und ein schmuckes Städtchen.

Dreissig Stunden später, um 2 Uhr morgens, fahren wir im Bahnhof in Kars ein. Müde aber zufrieden machen wir es uns im Hotelzimmer gemütlich.

Kars nach Baku

Sicht auf Kars

Nach einem erholsamen Pausentag in Kars gilt es mit dem Bus weiterzureisen. Leider ist die seit Jahren geplante Bahnstrecke von Kars nach Tiflis bis nach Baku nicht wie im Voraus kommuniziert anfangs August eröffnet worden. Wie wird wohl diese lange Busfahrt mit unserem Sohn werden? Von den sechseinhalb Stunden Fahrt verbringt er glücklicherweise insgesamt vier Stunden schlafend auf unserem Schoss. Die kurvenreiche Strecke durch das bergige Gebiet des Kleinen Kaukasus hat sicherlich dazu beigetragen.

An der georgischen Grenze

Am Abend am Bahnhof in Tiflis müssen wir zum ersten Mal das Zugbillett vor Ort organisieren. Alle anderen Strecken konnten wir im Voraus buchen lassen. Wir machen grosse Augen, als wir in der Schalterhalle mit unserem gezogenen Nummernschild realisieren, dass rund 80 Personen vor uns an die Reihe kommen werden! Einmal mehr dürfen wir Gottes Versorgung erleben. Nach mehr als einer Stunde Wartezeit und kurz vor der Abfahrt unseres Zuges sind wir im Besitz des Tickets für das letzte 1. Klass-Schlafabteil!

Das Knattern des Zuges schaukelt unser Kind rasch in den Schlaf. Für uns Eltern heisst es noch die letzten beiden Grenzkontrollen abzuwarten. An der georgischen Grenze werden die Pässe eingesammelt und eine gefühlte Ewigkeit später wieder ausgeteilt. Für den aserbaidschanischen Grenzübertritt müssen wir das erste Mal auf unserer Reise ein Visum vorzeigen. Zudem werden Fotos von uns gemacht und das Gepäck untersucht. Gott sei Dank findet die ganze Prozedur im Zug statt und wird unser Gepäck nur von aussen betrachtet. So dürfen wir mit unserem gesamten Hab und Gut nach Aserbaidschan einreisen. Nach einem langen Tag werden auch wir schnell vom Schlaf übermannt.

Angekommen

In Baku werden wir mit dem Auto abgeholt und fahren damit in den Süden. Kurz vor Länkäran setzt der Regen ein. Anscheinend ist dies der erste Regen nach einem heissen Sommer. Dementsprechend angenehm sind derzeit die Temperaturen, was uns das Einleben erleichtert.